Leseproben

 

Quelle: Lu Hirsch

 

 

 

Sylvia Mandt

      Am Beispiel des Mangrovenwaldes
      - Eine Parabel – (von Sylvia Mandt)


Du führtest mich in eine fremde Welt,
sagtest, es sei ein magischer Ort.
Wild und betörend,
wie geschaffen für unsere Liebe.
Ich ging mit dir,
all meine Hingabe
und all mein Vertrauen im Gepäck,
genug für ein ganzes Leben.

Der Ort, weit weg von überall,
war weder Land noch Meer.
Oben und unten schienen
zu einem Dickicht der Gefühle
zusammengewachsen zu sein.
Eingetaucht in Feuchtigkeit und Wärme
verschmolzen du und ich zu einem Wir,
so wie am Ursprung allen Lebens.
Zwei Teile eines Ganzen
trieben im Kosmos
der erfüllten Sehnsüchte
auf eine Ewigkeit zu.

Als wir an die Grenzen der Ewigkeit stießen,
hielt ich mich an dir fest,
ebenso erfüllt wie verloren.
Zwischen Halt und Auflösung
suchte ich den gemeinsamen Himmel,
immer wieder.
Ich fand ihn nicht.
Das dichte Blattwerk hüllte mich
in Dunkelheit und Angst...
Du gingst - und kamst zurück,
mit Berührungen,
mit Versprechungen,
die ich viel zu lange glaubte.

Plötzlich schämte ich mich
meiner Nacktheit, meiner bedingungslosen Liebe.
Verlassen, verletzt, verbraucht -
durch dich.
Die Falle war zugeschnappt.
Lange lag ich starr,
dem Fraß der wilden Tiere ausgeliefert.

Als die Nacht kam,
ächzten die Bäume, Wasser schäumte ungestüm.
Die Tiere des Waldes gerieten in Unruhe,
und der Ruf der weisen Eule
kündete Schicksalhaftes an:
Deine Täuschung würde
einen Orkan der Entrüstung auslösen,
in einer Welt,
die aus Liebe geboren war.
Der Sturm zerfetzte das Blätterdach
und ermöglichte gleichzeitig den Blick
auf einen klaren, grenzenlosen Himmel,
den ich schon lange vermisst hatte.
Gestirne funkelten mir zu
und verhießen Gutes.

Der Morgen bedeckte meine Scham,
und Wärme umhüllte meine Nacktheit.
Aus dem Urwald der Verwirrung
wies mir ein Sonnenstrahl den Weg.
In mir wuchs ein starker Wille,
nährte Geist und Seele -
und gab mich frei.

Auf jenem Weg
hab’ ich die Liebe
zu mir selbst gefunden.
Genug auch für ein Du,
das meiner Liebe würdig ist.

Nur kurz schau’ ich mich um
und seh’ dich dort in deinem Baumhaus hocken.
Vielleicht sitzt du jetzt in der Falle,
vielleicht lauerst du auf die nächste Beute.

Vielleicht aber kannst du verstehen,
dass die Liebe und der Wald
jeglichen Schutzes bedürfen.

 

 


Quelle: Wolfgang Grabowski


Die Gastleserin Jeanette Baden-Jaber hat am Mittwoch, den 31.01.2018,
bei der Vernissage "Impressionen aus Natur und Architektur" von
Leichlinger Malerin Ulla Pützstück, ihre Geschichte "Der fliegende Teppich"
(eine Geschichte mit ganz viel "Ich") zum Bild von Ulla Pützstück vorgestellt.


"Der fliegende Teppich" (eine Geschichte mit ganz viel "Ich")
von Jeanette Baden-Jaber

Zum Bild von Ulla Pützstück

Ich verharre am Strand und starre auf den Zaun. "Nur weg von hier", denke ich. "Weg. Einfach aufbrechen. Ins Ungewisse. In die Freiheit." Der stummen Drohung der hölzernen Grenzposten entkommen. Aber vielleicht stehe ich ja schon auf der Seite der Freiheit. Und merke es nicht. Vielleicht ist es die Unfreiheit, die auf der anderen Seite des Zauns steht. Vielleicht ist sie es, die aufbrechen will.

Aufbrechen…

Aufbrechen kann man auf vielerlei Art:
"Extern", "in echt" – zu Fuß, mit dem Fahrrad, Auto, Flugzeug oder Schiff.

"Intern", "innerlich" – auf den Flügeln der Fantasie und auf dem weichen Meer aus den Knüpfknoten eines fliegenden Teppichs.

Ich bin als Kind "intern" aufgebrochen, über die Grenzen meiner Heimat hinaus. Richtung Orient. Jahrzehnte später habe ich eine Erzählung über den Libanon geschrieben, insbesondere über die Familie meines Mannes und den Ort, in dem sie lebt, das Palästinenser Camp Nahr el-Bared im Norden des Landes. Nur einen Steinwurf vom Mittelmeer entfernt. Meer ohne Sandstrand. Und ohne Zaun. Dafür mit Militärposten der libanesischen Armee.

Eine Freundin sagte einmal: "Schreib‘ doch mal, wie Du dazu gekommen bist, zum Libanon und zu Deiner Erzählung darüber. Schreib‘ etwas über Dich!"

Was kann das sein ‒ über mich? Über die Familie im Libanon: Ja. Und über den Krieg in Nahr el-Bared im Jahr 2007 auch. Aber über mich? Vielleicht: Warum der Orient? Vielleicht: Warum der fliegende Teppich? Also gut. Ein Versuch. Es war einmal…

…es war einmal ein kleines Mädchen, das Bücher nur so verschlang, mit Michel in der Suppenschüssel steckte, mit Bernhardiner Bootsmann Ferien auf Saltkrokan verlebte, Grizzlies am großen Bärensee begegnete, mit Hanni und Nanni Lehrerstreiche ausheckte, mit Peppi durch den Urwald streifte, und eben auf einem fliegenden Teppich in 1001 Nacht die Himmel des Orients entdeckte…

"Wo ist der Orient?", fragte das kleine Mädchen, als es längst erwachsen geworden war, und zum ersten Mal den Libanon bereiste. Das ist nun über zwanzig Jahre her. Orient – das waren in meiner Vorstellung die prächtigen Kleider, samtenen Kissen, mit Granatäpfeln, Kaktusfrüchten und Maulbeeren gefüllten Obstschalen und die Geschichten aus 1001 Nacht gewesen. Scheherazade, Aladin und Sindbad gehörten ebenso dazu wie Dschinn und Alibaba und die 40 Räuber. Orient bedeutete für mich Leben, Gewusel und Gewimmel im Basar, Farben, der Duft von Gewürzen und schweren Parfüms, kehlige Stimmen, auch Dattelpalmen, Wüstensand, der Ruf des Imam. Und Kamele. Ein einziges habe ich gesehen, im Libanon. Auf einem Schuttberg im Palästinenser Camp Schatila in Beirut.

Die Wirklichkeit, der "echte" Libanon wollte so gar nicht in mein Bild des Orients passen, das ich seit meiner Kindheit bei mir trug. Dieses Land verwirrte mich, zeigte es sich doch arabisch und gleichzeitig westlich geprägt durch die Zeit des französischen Mandats. Ein zerrissenes Land, und doch eins. Ein Land zwischen Orient und Okzident, auf der Suche nach seiner Identität.

Es war im Jahr 2007, als mich die Wirklichkeit ein weiteres Mal auf meinem fliegenden Teppich einholte. Als der Krieg in Nahr el-Bared ausbrach, und wir um das Leben unserer Familie, um das Leben aller Familien von Nahr el-Bared bangten. Eine bewegende und bewegte Zeit.

Wie die Geschichte des Orients. Bewegt wie die Geschichten und die Geschichte von 1001 Nacht. Bewegt wie die Geschichte der Menschheit und unserer Erde. Für mich ist der Orient immer noch bunt, voller Abenteuer und Lebenslust. Und deshalb reise ich bis heute in meiner Fantasie durch diesen aufregenden Teil der Weltgegenden. Auf meinem fliegenden Teppich reise ich, dessen Muster aus den Fäden meiner Jahre gewoben ist. Es ist dieser Teppich, der mich durch mein Leben trägt. Und mit mir meinen Mann und unsere Kinder.

Apropos mein Mann: Musste es also nicht so kommen, dass ich mit ihm einen Araber, einen Orientalen heiratete? Dass mein fliegender Teppich auf genau dieses Menschenkind aus dem Morgenland zusteuerte, das mir den Orient in meine Heimatstadt Solingen, in mein Zuhause brachte?


Derselbe fliegende Teppich, der mich an die Orte meiner Träume bringt.
Über Grenzen hinfort.
Äußere.
Und innere.
Vorbei an Zäunen.
Über Zäune hinweg.
Äußere.
Und innere.
Start und Ziel meines fliegenden Teppichs: Solingen.
Die Route: Bergisches Land. Deutschland. Europa.
Bis an den Rand Eurasiens.
Über’s Mittelmeer.

Von dort kommen viele.
Brechen auf.
Aus unterschiedlichen Himmelsrichtungen kommen sie.
Aber alle über’s Mittelmeer.
Der eigenen Lebenslinie folgend.
Auf Lebenschancen hoffend.
Lebenslinie ― Architektur des Lebens.
Geradlinig. Streng.
Natur des Seins.
Wildwuchs. Gesetz des Stärkeren.
Architektur, Natur – Beides gestaltet.
Gestaltet von wem?
Wer nimmt Maß, berechnet, zeichnet, radiert, zeichnet neu, sich nach Vorgaben, Formeln richtend?
Wer sät, pflanzt, spendet Wasser, Luft, Wärme, Licht, rupft, sät neu, dem Wachstum freien Lauf lassend?
Frei.
Wirklich frei?

Ich stehe am Strand und gucke zwischen den schmalen Holzpfählen hindurch. Meer und Himmel verschmelzen in blauer Ruhe. Das Murmeln der Wellen lockt: "Brich‘ auf! Brich‘ auf!"

Ich setze mich auf meinen Teppich und fliege los.

 

 

 


Quelle: Martina Hörle

 

 

 

Karla J. Butterfield


     Der Berg und der Hügel

Es war einmal ein großer Berg. So hoch, dass auf seinem Gipfel der Schnee für immer seine weißen Flügel aufgeschlagen hatte. So hoch, dass die Wolken zerbarsten, wenn sie an ihm stoßen. So hoch, dass die Winde das Pfeifen vor Anstrengung bekamen, wenn sie an ihm vorbeischießen wollten.

Neben diesem großen mächtigen Berg duckte sich ein Hügel. So klein, dass man ihn mit einem Berliner hätte verwechseln können. Im Winter verschwand er ganz unter dem Schnee, im Sommer stand er den halben Tag im Schatten des großen Berges.

Das alles wäre nicht so schlimm gewesen, wenn der große Berg ihm wenigstens etwas Beachtung geschenkt hätte. Doch dieser drehte ihm seine kalte Nordwand zu und missachtete ihn, als wäre der kleine Hügel nur eine Fahrlässigkeit der Natur. Und dieser kleine Klumpen wurde sehr traurig, denn er sehnte sich nach einem Freund.

Eines Tages gab er sich einen Ruck und rief zu dem großem Berg hinauf: "Hei, Freund, ist es dir nicht langweilig da oben? Wollen wir uns nicht ein bisschen unterhalten?"

"Waaas?", rief der Gigant zurück, "Du Zwerg, sprich lauter, ich höre dich hier oben nicht!"

"Ich möchte mich mit dir gepflegt unterhalten", rief nun der Hügel, so laut er konnte.

"…halten, halten, halten!" kam es oben bei dem großen Berg als Echo an.

"Ja, genau, du sollst deinen Mund halten, halten, halten, richtig", rief dieser zurück und reckte sich noch einige Meter gen Himmel, als litte er unter einem Größenwahn-Befall, gab sich sehr imposant und sang vor sich hin:

"Es war einmal ein Berg,
so klein wie ein Zwerg,
man konnte auf ihn spucken,
ohne sich zu ducken.
Ha, ha, ha…"

"Das ist keine gepflegte Unterhaltung, das ist eine Beleidigung", schniefte der Kleine und drehte seine Südseite vom großen Berg ab. Tränen liefen als silberne Bäche an ihm herunter.

Zwei Wochen blieb der kleine Hügel eingeschnappt, aber in der dritten Woche hielt er es nicht mehr aus und rief: "Bitte, sprich mit mir, großer Berg, ich vereinsame!"

"Hügel, du bist mal still,
du störst meine Kreise,
halt den Mund
und bleibe endlich leise"
, kam es von oben zurück.

Der Hügel wurde nach dieser Abfuhr noch kleiner und schwieg.

Nach einigen Tagen entschied er, sich an Gott zu wenden und ihn um Hilfe zu bitten.

Nachdenklich fuhr Gott mit der Hand durch seine weißen langen Haare, legte den Malpinsel, mit dem er gerade die Nordseedünen schattiert hatte, in den Farbtopf zurück und meinte: "Was soll ich tun? Die Erde war mein großer Wurf. Ich habe nur etwas geschüttelt, gemischt und gerüttelt, etwas modelliert und gestrichen. Ich kann dich nicht zu einem größeren Berg machen, damit der Depp dich akzeptiert. Ich bin ein Künstler, ich kann nicht alles mit Lineal zeichnen. Das wäre langweilig. Das musst du verstehen. Außerdem bin ich unfehlbar.
Nachbessern gibt es bei mir nicht."

Aber er hatte Mitleid mit dem traurigen Hügelchen und fragte: "Sagt er wirklich kein Wort?"

"Nein, er hat mich nur ausgelacht."

"Dann erzähl ihm ein paar Witze, wenn er so gerne lacht."

"Ich kenne keine Witze."

"Hier, das könnte helfen", Gott überreichte dem Hügel eine Tüte, auf der das Wort HUMOR stand. "Das wird den steinigen Riesen etwas aufweichen. Ich kann aber für nichts garantieren, versuche es einfach."

Der Hügel freute sich riesig groß, so über seine eigentliche Größe hinauf, und konnte es kaum erwarten, den Humor zu präsentieren. Als es ganz windstill wurde, und er sicher war, dass der große Berg ihn hören würde, öffnete er das Säckchen, zog einen Zettel heraus und las vor:

"He Berg, rate mal, was ist weiß und rollt den Berg hinauf?"

Da der Berg neugierig wurde, beugte er sich etwas hinunter und brummte: "Berg hinauf? Das ist unmöglich. Sag schon!"

"Eine Lawine mit Heimweh!", rief der Hügel.

Und der große Berg schüttelte sich vor Lachen, so dolle, dass große Felsbrocken hinunter rollten und fast den kleinen Hügel zuschütteten.

"Noch einen!", rief der Berg und grölte vor Lachen.

Obwohl der kleine Hügel von der Steinlawine etwas derangiert war, erzählte er weiter:

"Was heißt Bergsteiger auf Chinesisch?"

"Keine Ahnung."

"Hing-am-Hang!", schrie der Hügel, und der Riese schüttelte sich vor Lachen, dass eine weitere Lawine hinunter rollte.

"Hör auf, hör auf, das tut weh", quiekte der Hügel, aber erzählte weiter, denn er war so glücklich, dass er den Berg zum Lachen bringen konnte.

Seit diesen Tagen zeigte sich der Berg höflicher und verlangte nach mehr Witzen.

Doch als dem Hügel die Witze ausgingen, verstummte der Berg erneut und schwieg.
Aber da war es um den kleinen Hügel bereits geschehen, ein Freund reichte ihm nicht, denn er hatte sich in den großen Berg verliebt. In sein Lachen, seine natürliche Stärke, seinen Stolz.

Wieder rannte er zu Gott und bat um Hilfe.

Gott dachte nach und lud dann den Hügel in sein Atelier ein. "Du hast Glück, ich habe gerade eine impressionistische Phase, lass mal sehen, was ich aus dir machen kann. Größer wirst du nicht - aber schöner." Und tatsächlich, er malte den Hügel mit den prächtigsten Farben an. Zuerst eine Wiese mit bunten Blumen, dann Obstbäume mit den süßesten Früchten und glitzernde Bäche, die sich anmutig um den Hügel schlängelten. Und dann gab er dem Hügel, also seinem Kunstwerk, einen neuen Namen. Dieser lautete "Anhöhe".

Als der Hügel zum großen der Berg zurückkam, staunte dieser nicht schlecht: "Donnerwetter, du siehst aber scharf aus, Kleiner."

Der Hügel wurde ob dieses Komplimentes noch grüner und noch röter und blinzelte verführerisch mit den Blättern und Blüten. "Ja, ich habe eine Verschönerungskur von Gott erhalten.", sagte er stolz und winkte dem Berg mit seinen Baumästen zu.

In diesem Moment verspürte der große Berg etwas, was ihm vollkommen fremd war. Er verspürte eine Wärme in sich. Eine angenehme Wärme, die ihn durchströmte und sogar den Schnee auf seinem Gipfel schmelzen ließ. Seine krummen Fichten richteten sich auf und die Felsen erstrahlten in einer glänzenden Pracht.

Eines Tages neigte er sich zum Hügel und sagte mit seiner angenehmsten Stimmen: "Was halten Sie davon, wenn wir zusammen ein Lied singen, mein Freund Hügel?" "Gerne, antwortete der Hügel, aber wissen Sie, ich bin eigentlich kein Hügel, ich bin eine Anhöhe."

"Was macht es schon für einen Unterschied, ich mag Sie so oder so."
V "Oh", errötete die Anhöhe, "das schmeichelt mir, aber Sie verstehen ein Hügel ist "ein" Hügel und ich bin "eine", eine Anhöhe, Sie verstehen?"

Es dauerte lange, aber endlich verstand der Berg, was die Anhöhe meinte, und er sang ein Lied der Sehnsucht für sie und sagte dann: "Ich liebe dich." Und da dieser Berg in Frankreich beheimatet war, sagte er es im schönsten Französisch: "Je t’aime, mon amour." Und die Anhöhe antwortete: "Moi aussi, chérie."

Die Tage vergingen, und die Liebe wuchs zwischen den beiden Bergen. Aber sie konnten sich nicht näher kommen, denn sie waren fest mit der Erde verbunden. Der Abstand zwischen den beiden war klein, aber unüberwindbar, und die Situation wurde von Tag zu Tag unerträglicher. Die beiden platzten fast vor Sehnsucht zueinander.

Also bat die Anhöhe zum dritten Mal bei Gott um Hilfe.

"Du nervst, sagte Gott. Meinst du, ich hätte nichts anderes zu tun, als mich um dich zu kümmern. Ich habe mit Kriegen, Seuchen und Katastrophen zu tun. Eigentlich bin ich ein Künstler, ich will erschaffen und nicht ständig auf die Launen der Berge oder auf die Verkommenheit der Menschheit achten. Ich bin kein Polizist, ich bin kein Moralprediger, ich bin kein….", und Gott erzürnte sich dermaßen, dass die Erde anfing zu beben. Das Innere der Erde rumorte, die Platten verschoben sich, ganze Meere ergossen sich über die Strände und Küsten. Und als dieser Krawall nach einigen Stunden zu Ende war, sah die Erde nicht mehr wie vorher aus.

Der Berg und die Anhöhe fanden sich am Rande eines Tales wieder, und als sie an sich herunterschauten und sich gegenseitig ansahen, wurden sie überglücklich, denn der große Berg kleiner und gesetzter geworden war, und die Anhöhe, schlank und rank, sich an seine beste Seite schmiegte. Dank dem gigantischen Erbeben bildeten die beiden jetzt einen Bergkamm zusammen, unzertrennlich, unverrückbar. Und wenn sie um sich schauten, fanden sich ringsherum mehrere Hügelchen und Anhöhen, die zwar kleiner waren als sie, aber ihnen sehr ähnelten.
Ich habe diese beiden Berge erklommen, und eines Nachts erzählten sie mir ihre Geschichte. In dieser Zeit waren sie schon seit fünfhundert Jahren miteinander verbunden und liebten sich nach wie vor. Die Anhöhe erzählte dem Berg jeden Abend eine lustige Geschichte, und der Berg sang für sie leidenschaftliche Chansons in Begleitung der pfeifenden Winde.

Wenn Ihr eintausend Kilometer südlich wandert, und dann hinter der ersten Tanne nach rechts geht, zwei Pässe überquert und den dritten Pfad nach links nehmt, kommt Ihr zu einem Tal, an dessen westlichen Rand die beiden stehen. Sie werden euch meine Geschichte bestätigen.

 

Quelle: Kerstin Laupheimer, Öl auf Leinwand, 100x100).

 

 

 

Sibylle Wegner


     Ich sah

Ich sah das Ende, dass in jedem Anfang ist. Ich sah es schon als kleines Kind. Ich sah meinen Großvater sterben.
Ich sah, wie die Menschen um mich ihr Leben weiter lebten und dass er wohl nur bei mir eine nicht mehr verschließbare Lücke hinterließ.

Ich sah viele Anfänge, was ich alles aus meinem Leben machen könnte. Ich sah das mögliche Ende und führte nichts wirklich zu Ende aus Angst davor.

Ich sah das Ende schon im Anfang meiner Liebe und wollte es doch nicht sehen. Ich sah die Probleme und übersah sie. Ich sah das Auseinanderlaufen der Leben und wusste nicht, was ich dagegen tun sollte.

Ich sah den Anfang des Lebens, als mein Patenkind geboren wurde und das Glück im Gesicht der Eltern. Ich sah wie sie heranwuchs, wie sich die Eltern trennten und die Zerrissenheit des Kindes, ich versuchte ihr ein wenig Halt zu geben. Ich sah den Stolz in ihren Augen, als sie das Abitur bestanden hatte. Ich sah ihre zeitweise überdrehte Heiterkeit, auf die ein blasses Gesicht mit tiefen Augenringen über einem wie betäubten Körper folgte. Ich sah ihren ersten Entzug und den zweiten. Ich sah es und wusste nicht, wie ich es aufhalten sollte. Ich sah das Ende und es kam.

Ich sah danach lange keinen Anfang mehr.
Ich sah stets das Ende, lebte aber wie am Anfang – abwartend, als ob ich alle Zeit der Welt hätte.

Am Ende -würde ich gerne nochmal anfangen.

 

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